
Eine Begegnung der unheimlichen Art mit einem Besucher, den man sich nicht aussuchen kann.
Nenne wir den Ort, an dem ich mich befand, Heuboden. Regale standen da in Reihen. Verstaubt. Auf der linken Seite altes Heu und Stroh. Hoch bis zum First geschichtet. Ein Fenster in der unteren Ecke des Giebels. Stoffvorhänge davor. Ein Spalt weit geöffnet. Nicht das mindeste dahinter zu sehen. Oder kann ich mich jetzt nur nicht mehr erinnern?
Mein Interesse, diesen Ort zu erkunden schwand. Ich wollte fortgehen. Es war mir hier nicht geheuer, in dieser Dunkelheit. Sehr finster war es. Trotzdem ging ich festen Schrittes auf den Ausgang zu. Der mußte sich irgendwo vor mir befinden. Das wußte ich.
Aus einem mir nicht mehr gegenwärtigen Grund blieb ich stehen. Ich spürte, jemand stand dicht hinter meinem Rücken. Ich hob ein wenige die 20MB Digikamera, die ich bisher eher achtlos und entspannt mit meiner rechten Hand am Trageriemen hielt. Mein ungutes Gefühl verstärkte sich.
Ich dachte: ‚Umdrehen ist zwecklos. In diesem Dunkel werde ich kein bißchen sehen können‘. Jetzt hob ich die Digi höher. Nahm den angewinkelten Arm etwas nach links und mit einer blitzschnellen Drehung schlug ich mit der Kamera in die Richtung, aus der meine Bedrohung zu kommen schien.
Ich schlug – nein nicht ins Leere, meine Waffe wurde einfach mitten im Schwung angehalten. Ich taumelte. Stolperte im Fallen über meine Füße. Fiel der Länge nach hin auf die Dielenbretter. Staub wirbelt auf und drang in Nase, Mund und Augen.
Ehe ich zur Besinnung kam, faßte mich jemand unter die Arme und hob mich auf. Noch etwas unsicher auf den Beinen stehend, hörte ich eine Stimme:
»Oh là là, mein Freund. Wer wird den gleich so aggressiv sein? Ich bin nur gekommen, um zu sehen, ob alles mit dir in Ordnung ist. Oh, Verzeihung, ich vergaß, mich vorzustellen. Ich bin der, der immer und überall unwillkommen ist. Man mag mich nicht, denn ich bin immer der letzte Besucher. Ich bin sozusagen endgültig. Na, du weißt schon, ich bin der, der die Tür zumacht, die Uhr anhält, das Licht ausknipst. Man nennt mich den Sensenmann. Ich mag diesen Namen nicht. Auch nicht Gevatter Tod, wie ihn sich die Dichter ausgedacht haben. Freund Hein gefällt mir besser.
Also, gestatten: Freund Hein, mein Name.«
»Was willst Du?«, sagte ich. »Meine Zeit kann doch noch nicht abgelaufen sein. Ich hab noch so viel vor. Und außerdem, denk an meine Familie.«
»Ja, das sagen sie alle. Jung und Alt. Gesunde oder die auf der Intensivstation. Immer denken sie: ‚Meine Zeit ist noch nicht abgelaufen‘. Ich komme immer etwas früher. Das gehört zu meinem Kundendienst. Maßnehmen. Schauen, wie es meinen Kunden geht. Schätzen, wieviel Zeit einer noch abzuleben hat bis zu seinem Ableben.«
Er kicherte vor sich hin, wie ein alter Mensch es zu tun pflegt, wenn er einen für sich überraschenden Witz gemacht hat. »Muß ich mir merken: Wieviel Zeit einer noch abzuleben hat.«
Er machte eine Pause, während sich ein spöttisches Lächeln auf seinem Gesicht breitmachte. Sagte ich schon, daß es dunkel war? Seltsam, trotzdem konnte ich sein Grinsen erkennen.
Jetzt legte er seinen linken Arm um mich. »Komm«, sagte er. »Laß uns gehen.«
»Aber«, rief ich, »meine Zeit…«
»Ich weiß. Ich weiß. Deine Einrede ist nicht vergessen. Wäre ja auch zu blöd. Fast ein himmlischer Treppenwitz, hätte ich Alzer. Ich begleite dich hinunter. Du wolltest doch diesen Ort verlassen. Oder? Ich passe auf dich auf, damit du nicht von der Leiter fällst und vorzeitig zu Tode kommst, dir gar noch das Genick brichst. Übrigens, kein angenehmer Tod. Erst die Leiter im Eiltempo, dann unten auf den Estrich aufschlagen. Gebrochene Augen, verrenkte Glieder und das viele Blut, das dir aus Nase, Mund und Ohren läuft. Scheußlich! Denk doch an die Leute, die du mit deinem Gepolter aus ihren Wunschträumen reißt. Auch nicht angenehm für sie. Da träumen sie friedlich vom ewigen Leben und dann das. Nur, weil du nicht aufgepaßt hast.
Also, komm. Laß uns jetzt gehen. Aber vorsichtig, es ist scheiß finster hier oben. Da fällt mir ein, kennst du das Kinderlied, das kein Kind singen darf im Beisein der sogenannten Erwachsenen. Nein? Ich sing es dir vor: Ri Ra Runkel. Im Hühnerpo da ist es dunkel. Da kann‘s ja auch nicht helle sein, da scheint ja gar kein Licht hinein. Ri Ra Runkel. Im Hühnerpo da ist dunkel«.Mein unheimlicher Besucher lachte dröhnend.
‚Oh mein Gott‘, dachte ich, ‚wie profan der Tod sein kann‘.
»Licht machen, mit einer Kerze, kannst Du hier auch nicht«, sprach mein unheimlicher Schutzengel. »Womöglich fackelst du die ganze Bude ab. Und ich hab hinterher den ganzen Schlamassel. Weißt du eigentlich wie das ist? Immer arbeiten? 24 Stunden am Tag? 365 Tage im Jahr? Kein Urlaub? Niemals eine Pause?
Wie ich die Leiter nach unten gekommen bin, ist mir nicht mehr erinnerlich. Unten angekommen, schaute ich meinen »Beschützer« an und sagte: »Und jetzt?«
»Nichts ist mit und jetzt. Aber später, ganz gewiss«, erwiderte er. Dabei drückte er mir meine Digi in die Hand, klopfte mir auf die Schulter und sprach:
»Entschuldige mich! Die Arbeit ruft. Ich hab zu tun«.
Im Fortgehen rief er mir zu: »Wir sehen uns, mein Freund!«
Liebe Leser. Gewiss sind auch Ihnen die Schutzengelbilder aus dem Sichtweise-Verlag angenehmere Besucher, besonders die in Postergröße.
Zum Beispiel dieser hier